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Mit etwas Hilfe von einem Freund
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Ich hatte meinen Reiseführer auf diesen kleinen Tagesausflug zwar nicht mitgenommen, aber die Worte hatten sich mir eingebrannt: Vom Parkplatz etwa 30 Minuten leichte Wanderung.

In San Martin gab es keine Bushaltestelle geschweige denn einen Parkplatz. Von einem mächtigen Vulkan war weit und breit nichts zu sehen. Der einzige Hinweis auf Laguna Chicabal war ein kleines Blechschild mit der Aufschrift 5 Kilometer. Es zeigt auf einen Pfad der in einem etwa 45-60 Grad Winkel einen Abhang hoch führte. Irgendetwas war faul hier. Die Mächte des Universums arbeiteten gegen mich und mit vereinter Kraft.

 

Alles halb so schlimm - San Martin

Meine Bergsteigerausrüstung bestand aus einer Kamera, einem Stativ, einem Wechselobjektiv, Fernauslöser, Ersatzchip, Schweizer Taschenmesser und einer Literflasche Wasser (was man so braucht halt). Wie es sich für einen Alpinisten gehört, trug ich halblange Hosen und T-Shirt. Da ich in meinen Sandalen nicht laufen konnte, trug ich zur Abwechslung mal Wanderschuhe. Alles in allem war ich also besser ausgerüstet als sonst, schleppte aber auch entsprechend viel Gewicht. Zu Umkehren war es eh zu spät (zum Bergsteigen eigentlich auch, das wollte ich mir nur noch nicht zugeben an der Stelle), ich machte mich also auf den Weg. Was konnte hier schon schief gehen?


Ich war in einem abgelegenen Bergdorf am Hang eines Vulkans, mitten in einem Land, das neben Kaffee vor allem für seine lange Tradition des Guerillakrieges bekannt ist (und natürlich die damit verbundenen Geiselnahmen), ich vertraute der richtungsweisenden Kompetenz eines windschiefen Blechschildes. Viel schlimmer ich vertraute mich ohne Plan, Erfahrung, Ausrüstung und Backup einem Pfad an, den als dubios zu bezeichnen, vermutlich zur Untertreibung des Jahres gekürt werden dürfte; sollte die Nachwelt je davon erfahren heißt das. Ich war praktisch so sicher wie in Maximons Schoß!


Zum Glück bin ich unverbesserlicher Optimist und hatte (rückblickend betrachtet) keine Ahnung, auf was ich mich da einließ.



Im Englischen gibt es das wunderschöne Wort "struggle". Wir übersetzen es mit abmühen, anstrengen, abrackern. Das ist nicht schlecht übersieht aber eine wesentliche Komponente; struggle steht auch für Kampf. Wenn einer "struggled", dann müht er sich nicht nur, er kämpft. Ich war gerade kräftig am "struggeln" und dabei hatte ich keine 200 Meter des Weges zurückgelegt. Der Weg sah anstrengend aus, als ich ihn von weitem sah. Das war nichts im Vergleich zum eigentlichen Akt des Folgens.

Von der Straße aus führte der Weg erstmal ein paar Meter bergab. Man durchquerte so etwas wie ein überdimensioniertes Flussbett. Für 50 Meter führte die Straße steil bergab, dann ging es ebenso so steil wieder bergauf. Genau an der Stelle - von meinen Ausgangspunkt hatte ich Null Höhenmeter geschafft - verließen mich das erste Mal die Kräfte. Ich war fertig und das obwohl ich in Spuckweite des Punktes war, wo mich der Bus ausgespien hatte. Es war einer dieser Momente, wo Couchkartoffel plötzlich zum Karrierewunsch wird und ich Fernweh und Reiseführer, Fernsehen und Flugzeuge zum Teufel wünschte. Der Gehörnte muss ich mich geritten haben.

Auf eine so derart schwachsinnige, in jeder Hinsicht unterbelichtete, hirnrissig-idiotische, vermutlich dem Bregen eines intellektuellen Dünnbrettbohrers oder akademischen Wattwanderers entsprungene, auf eine so selten dämliche Idee, wie einen Vulkan zu besteigen, wäre ich sicher niemals von selbst gekommen. Da kann ich mir unmöglich die Schuld geben.

Da saß ich nun und struggelte vor mich hin. Umkehren solange ich noch konnte?


Ich entschied, dass dies meine eine und einzige Chance ist, auf einen Vulkan zu steigen. Zwei unabhängige Quellen hatten mir versichert, dass ein Einbeiniger den Berg hoch hinken könnte, also sollte ich wohl auch in der Lage sein. Ich hatte in Vorbereitung dieses Trips Stunden meines Lebens im Fitnessstudio vergeudet, die Entscheidung stand: Ich gehe weiter. Und so tat ich.

Etwa einhundert Meter später saß ich schon wieder, dieses Mal völlig am Ende meiner Kräfte. Das konnte nicht wahr sein. Ich muss bei meiner Planung etwas Wesentliches übersehen haben. Ich würde mich jetzt nicht als Leistungssportler bezeichnen, aber ich machte mich hier gerade völlig zum Arsch. Das konnte nicht sein. Immerhin schien ich dem Dorfkern näher zu kommen. Mein Problem war ja weniger die Distanz als die die Steigung. Mit etwas Glück sollte sich die im eigentlichen Dorf ja etwas beruhigen. Ich meine kein Mensch baut ein Dorf an einem steilen Abhang oder?



Halb tot am Berg aber die Aussicht ist Klasse - Laguna Chicabal

Ich erreichte das Dorf mit Müh und Not. Tatsächlich ließ die Steigung nach und man konnte fast normal gehen. Ich fand einen kleinen Laden und genehmigte mir einen Energy Drink. Powerade hat mir schon öfter das Leben gerettet.

Kleiner Tipp am Rande; sollte ihr jemals in einem warmen Land mit einem üblen Hangover aufwachen und nichts hilft: Powerade wirkt Wunder. Durch die Hitze verliert man jede Menge Mineralien. Das sind wir Bleichgesichter nicht gewöhnt. Als Folge kann der Körper, selbst wenn man genügend Wasser trinkt, es nicht aufnehmen. es läuft einfach so durch. Ein Fläschchen Powerade am Morgen kompensiert das wie nichts Anderes! Bei mir funktioniert das Blaue am Besten, in der Theorie sollten die aber alle gleich gut wirken.


Leider war es mit dem flachen Anstieg schon nach wenigen Metern schon wieder vorbei. Wie deutlich mir die Strapazen ins Gesicht geschrieben standen, sah ich am Lachen der Einheimischen. Die waren hier aufgewachsen. Denen machte es offensichtlich nichts aus. Mir schon.

Noch immer konnte ich keinen Vulkan weit und breit sehen. Immerhin fand ich ein zweites Schild, welches mir versicherte, dass ich auf dem richtigen Weg nach zur Lagune war. Zur Sicherheit fragte ich auch noch einmal im lokalen Kramladen, aber auch die nickten.


Selbst wenn ich wollte, ich kann hier nicht jedes einzelne Stadium meines Kampfes mit dem Berg beschreiben. Das Werk würde episch, Tolstois "Krieg und Frieden" erschiene wie ein Groschenroman daneben. Was ich allerdings gesagt habe möchte, ist dieses: Ich wusste nicht, wie viel ein Mensch leiden kann ohne zu verwelken. Ich ahnte nicht, wie weit einen der schiere Wille etwas zu schaffen, tragen kann. Die Schlacht um die Laguna Chicabal war länger und qualvoller, als Teil 3 vom Herrn der Ringe, schmerzhafter als "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" (wenn auch nur knapp) und sinnloser als die Verfilmung von "Krieg der Welten" mit dem unsäglichen Tom Cruise. Es war ein Kampf der Titanen und nur einer konnte ihn gewinnen.

Ich schleppte mich weiter. Der Nachmittag schritt deutlich schneller voran als ich. So viel konnte ich auch ohne Uhr erkennen. Ich machte mittlerweile mehr Pausen als Fortschritt. Ich war so am Ende, dass - verzweifelt wie ich war - ich es zeitweise mit Rückwärtsgehen versuchte. Immer wieder traf ich Einheimische, die sich vor Schadenfreude fast ins Höschen machten. Ich muss einen trefflichen Anblick abgegeben haben.


An einem besonders steilen Stück überlegte ich kurzzeitig, auf allen Vieren weiter zu kriechen. Zwei Gründe sprachen dagegen: Mein Stolz und vielleicht noch wichtiger: Die Schotterpiste war extrem staubig. Das wäre definitiv nach Hinten losgegangen. Wie tief kann ein Mensch fallen (oder bessser wie hoch kann er klettern)? Das hier hatte nichts und überhaupt gar nichts mit Urlaub zu tun. Das war reine Folter und zur Abwechslung steckten mal nicht die Amerikaner dahinter. Die Suppe hatte ich mir ganz allein eingelöffelt und ich stand kurz davor sie wieder auszubröckeln.



Die ganze Quälerei umsonst? - Laguna Chicabal

Ich gestehe offen und ehrlich, ich wusste an dieser Stelle nicht, wie lange ich unterwegs war, ganz sicher aber mehr als 30 Minuten. Ich würde schätzen eine bis eineinhalb Stunden. Ich war ein Wrack. Für einen Moment war ich versucht umzudrehen. Nichts rechtfertigte diese Tortur, kein besch... Vulkan in der ganzen weiten Welt.

Ich fing an, mir Etappenziele zu setzen. Wenn an der nächsten Kurve keine Verbesserung zu sehen ist, drehe ich um. Wenn es an der Kuppe nicht bergab geht, schieße ich die Sache in den Wind. Erstaunlicherweise half es und ganz plötzlich ging es tatsächlich bergab; nur leider nicht im Sinne eines Vulkankegels. Ich hatte einen "höchsten Punkt" erreicht, nur wusste ich nicht welchen. Ich wurde unruhig. Wenn das nur eine Etappe war, es bergab und dann wieder bergauf gehen würde, war ich Vogelfutter.

Ich setzte mir ein Ziel: 5 Minuten!

Bergab kehrten meine Kräfte schnell zurück. Der staubige Weg neigte sich auch nur sanft. Es war fast angenehm. Hinter der nächsten Kurve sah ich zwei Dinge: Einen Parkplatz und eine Rangerstation. Nachtigall ich höre dich japsen.

Was ich nicht sah, war ein Vulkan. Dafür sah ich gewaltiges grau-weißes Wattebündel. Ich mag kein Experte sein, vermutete aber mal, dass der Vulkan sich in dieser Wolke verbarg. Nooooooooooooooooooooooooooooooooooooo...

 

... weiter zu Teil 13

 

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By PLAVEB

Urlaubskasse


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