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Von Menschen und Göttern
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Wenn ich ganz doll ehrlich bin, betrachte ich Santiago so ein ganz kleines bisschen als Abzocke. Versprochen wird einem ein Pilgerzentrum mit tausend Kirchen und ein Treffen mit Maximon dem Indiogott, was man dann bekommt ist eine versiffte Kleinstadt voller Menschen und Marktschreier (ich trenne die beiden Spezies strikt), eine nicht eben beeindruckende Kirche und halt Maximon. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen und mein Kumpel Francisco und seine Penetranz halfen da auch nicht wirklich weiter.

 Typische gestreifte Hosen in Santiago am Atitlan

Immerhin kannte er sich aus und so begaben wir uns ohne weiteren Umweg zu den lokalen Attraktionen. Zunächst war da die Hauptkirche. Ich will sie jetzt nicht langweilig nennen, ich würde sie aber irgendwo zwischen wenig beeindruckend und skurril einordnen. Viel mit Kirchenschmuck gab es nicht, übertrieben groß war sie auch nicht, stattdessen standen an den Seiten verkleidete Schaufensterpuppen. Es war jetzt nicht so der Reißer muss ich gestehen. Dafür gefiel mir der Seitenhof nach links raus. Sehr hübsch und ruhig. Er unterschied sich wohltuend von dem Chaos vor der Kirche.

Als Nächstes machten wir uns an die geheime Kappelle. Sie war gleich nebenan und Teil eines kleinen Konvents. Der Innenhof war ganz bezaubernd und ich will offen gestehen, dass es mir gut gefiel. Ohne meinen kundigen Führer hätte ich das wohl nicht gefunden. Und er hatte auch nicht gelogen, als er behauptete den Schlüssel für die kleine Kapelle zu haben. Ich bekam eine Individualführung im besten Sinne des Wortes.

Bei der Kapelle handelte sich um einen kleinen Gebetsraum, der mit einigen Devolutionalien geschmückt war. Themenschwerpunkt war ein Priester, der betend in diesem Raum von einer Kugel niedergestreckt wurde aber überlebte (oder auch nicht). Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass  Franciscos Englisch an der Stelle ins chinesische abglitt. Ich verstand kaum noch ein Wort von dem, was er sagte und was ich hier wiedergebe basiert in der Hauptsache auf seiner Schauspieleinlage.

Also, ich glaube, dass es der Priester Francis Aplas Rother  war und er von irgendwelchen Kommunisten oder Konservativen oder Vulkaniern erschossen wurde; warum auch immer. Die Kapelle war also recht schmuck und ich eigentlich ganz begeistert, nur deswegen war ich natürlich nicht 20.000 Kilometer um die halbe Welt gereist.

Ich wollte Maximon sehen und es war an der Zeit. Ohne weitere Umwege machten wir uns also auf dem Weg zum Helden des Tages. Wir begaben uns tiefer in das Gewirr von Gassen, das Chaos wurde immer größer und die Menschenmassen immer unerträglicher. Plötzlich bog Francisco links ab und wir befanden uns in einer ruhigen Seitenstraße. Unscheinbar dort eine kleine Hütte mit weit offenen Fenstern und einer einladend offen stehenden Tür. In einem winzigen, völlig verrauchten Zimmer saß: Maximon. Ich war - metaphorisch gesprochen - von den Hufen.

 Der Maya Gott Maximon in Santiago am Atitlan

Ich habe schon eine Menge beknackte Sachen gesehen und auch etliche Blödheiten verzapft, aber gegen Maximon stinken die meisten meiner Geniestreiche einfach nur ab. Der spielt in der ersten Liga, so viel steht fest. Der Indianergott ist mehr oder weniger ein Holzklotz, dem eine Indianertracht übergestreift wurde, Indiana Jones Hut auf. Immerhin hatten sie ihm ein Gesicht geschnitzt. Am Ehesten erinnerte das Idol an Sitting Bull, zumindest war das mein erster Gedanke.

Flankiert wurde Maximon von zwei alten Männern – ebenfalls in Tracht – und  einem dritten, der einen lauten Monolog hielt. Ich vermute mal, er redete mit dem Gott. Das an sich war skurril, aber noch nicht das Ende. Der Indiandergott hatte eine brennende Zigarette im Mundwinkel und sobald die durch war, zündeten seine Assistenten die nächste an. Ich brech zusammen; ein rauchender Indianergott am Fuß eines Vulkans. Wie will man das überbieten?

In der Tat ist es so, dass man als Rat- oder Schutzsuchender entweder Blumen und Halstücher (davon trägt er in der Tat etliche) oder aber Zigaretten und Schnaps mitbringen soll. Das wusste ich natürlich nicht und entsprechend dumm stand ich nun da. Als alter Traveller bin ich ja aus Prinzip auf so ziemlich alles außer Kälte und Regen vorbereitet und natürlich Sachen, mit denen ich so nicht gerechnet hatte, wie zum Beispiel dass meine neues Canon Objektiv nicht auf die alte Kamera passt (was ich durch einfaches Probieren daheim hätte herausfinden können) oder aber dass ein Wörterbuch hilfreich gewesen wäre und eine funktionierende Uhr und ein Akkuladegerät. Aber das sind alles Sachen für Spießer. Ich rede hier von realistischen Szenarien für Rucksackreisende und was das angeht, da kann mich so schnell nichts erschüttern. Obwohl das mit dem Wörterbuch war schon etwas dusselig.



Selbstredend war ich auch auf eine Situation vorbereitet, wo es die Höflichkeit gebot, einer aus einem Holzklotz geschnitzten Puppe in Majaoutfit eine Fluppe anzubieten. Da mit Göttern selten gut Kirschen essen ist, hatte ich sogar extra aus Deutschland ein Päckchen Tabak importiert. So durchorganisiert bin ich!

Ich drehte ihm also eine Zigarette und das mit meinem eigenen Händen. Während ich dem Maja Gott opferte glaubte ich ein Lächeln auf seinen Zügen erkennen zu können. Wahrscheinlich hielt er mich für einen Holländer und hielt die Selbstgedrehte fälschlicherweise für etwas anderes aber da konnte ich nun nichts für.


Ich nutzte die Gelegenheit, um für meine Pläne in der näheren Zukunft um Beistand zu bitten. In der Regel verspricht Maximon ja eher Glück, Erfolg, Regen, eine gute Ernte und faire Maispreise, da ich mich zwischenzeitlich aber auf eine nicht gar so agrarische Tätigkeit verlegt hatte, bat ich um Schutz und Kraft für meine geplante Vulkanbesteigung.

 Der Maya Gott Maximon in Santiago am Atitlan

Man kann die ganze Angelegenheit mit westlichen Augen betrachten und das Ganze für ein Schauspiel, eine Abzocke oder aber total bescheuert halten, ich würde dem aber widersprechen wollen. Maximon wird von den Einheimischen seit Jahrhunderten verehrt. Die Mehrheit von ihnen mag mittlerweile evangelisch sein (ist tatsächlich eine Besonderheit von Santiago), das bedeutet meiner Erfahrung nach aber nicht, dass man sofort und endgültig mit den alten Götzen brechen sollte. Sicher ist sicher. Wie rachsüchtig die alten Götter sind, hört man immer wieder und bekanntermaßen ist deren Zorn noch harmlos im Vergleich zum Strafgericht unseres "lieben Gottes". Der hat uns gleich die Sintflut geschickt. Wenn es um Götzendienst geht, stehe ich auf dem Standpunkt, dass es vielleicht nichts nützt, bestimmt aber nicht schadet.

 

Ich finde Maximon Klasse. Ohne ihn hätte der Besuch in Santiago für mich einen bitteren Beigeschmack gehabt. Ich lasse mich halt nicht gern abzocken. Was man so hört über die Webkunst und die lokalen Kostüme ist alles gequirlter Quark und Santiago alles in allem ein Dreckloch. Allein wegen Maximon würde ich die Reise unternehmen und trage es hiermit jedem Atitlanbesucher an.


Zum Abschluss unseres Rundgangs ging ich mit Francisco dann noch ein Bier trinken und er erzählte ein wenig aus der Besenkammer oder wie man das sagt. Die Geschäfte liefen in der Tat schlecht und mit den Kindern und allem, ach wie grausam. Offenbar dachte er, ich würde ihm einen kleinen Nachschlag zahlen, ich betrachtete das mit dem Bier allerdings als erledigt. Ich machte mich auf den Rückweg und bei der Gelegenheit sah ich, dass alles viel viel viel schlimmer hätte kommen können.

Während ich den Marktschreiern in der Regel aus dem Weg ging bzw. denen in aller Nachdrücklichkeit nahelegte, den meinen nicht zu kreuzen, waren andere nicht so weise. Ein paar amerikanische Touristen wurde von einer Meute feilschender Omas bis auf das Schiff verfolgt. Einmal soweit gekommen, akzeptierten sie kein Nein als Antwort mehr. Sie hatten Blut geleckt und wollten einen Kadaver.

Das wurde irgendwann auch den Amis klar und sie gaben auf. Für eine – wie ich fand – astronomische Summe kauften Sie Ponchos und Tücher, die irgendwo zwischen kitschig und peinlich rangierten. Warum nicht? Die Marktschreier wollen auch leben und in mancher Hinsicht sind die Amis ja an allem Schuld. Da können sie auch zahlen.


Am Abend machte ich mich dann auch um die lokale Ökonomie verdient. Ich speiste in meinem liebsten Steakhouse und ließ mir von einem kleinen Mädchen eine bunte Schnur in die Haare flechten. Sie war wirklich süß und sprach ganz hervorragend Englisch. So gesehen verdiente sie sich das Geld ehrlich. Ganz nebenbei reflektierte ich etwas – wir wollen uns ja auch um den Erhalt der deutschen Sprache verdient machen – und beschloss, dass ich genug vom Atitlan hatte. San Jose wurde ersatzlos gestrichen und ich beschloss, mich auf den Weg zum Vulkan zu machen.

Die ideale Ausgangsbasis dafür war Quetzaltenango und somit kommen wir endlich zu den Ereignissen des heutigen Tages. Oder auch nicht. Wenn ich mir das so ansehen, habe ich mein Kontingent für heute ausgeschöpft. Wir werden uns also vertagen müssen.

... weiter zu Teil 10

 

 

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By PLAVEB

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