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Santiago de Atitlan oder mein Treffen mit Maximon
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SchwachPerfekt 

Das Thema mit dem perfekten Sonnenuntergang betrachte ich als abgehakt. Das Spektakel des gestrigen Abends hätte wohl selbst dem notorischsten Kotzbrocken das Herz erwärmt. Es war einfach perfekt. Über See hatten sich pünktlich zum Sonnenuntergang ein paar Wolken versammelt. Für einen spektakulären Sonnenuntergang sind die einfach unerlässlich. Mit einer Beuteltasche Bier, Kamera, Stativ und Fernbedienung - wir sind ja im Urlaub - hatte ich es mir am Pier von Panajachel bequem gemacht und harrte der Dinge. Es dauerte nicht lang.

 

 Sonnenuntergang am Atitlan

Der Faszination eines Sonnenuntergangs kann sich kaum jemand entziehen. Das Phänomen ist schwer zu erklären. Sonnenuntergänge sind ja nicht eben selten, trotzdem ziehen sie einen immer wieder in ihren Bann. In echten Tourihochburgen applaudieren die Leute sogar, wenn unser Stern scheinbar im Meer versinkt. Das finde ich etwas übertrieben, gebe aber zu, dass es mir auch immer wieder das Herz erwärmt. Es gibt nichts Besseres als das gute alte Sunset Bier, ein Fläschchen Wein tut es natürlich auch.

Da saß ich also am See meiner Wahl, schaute mir das Spektakel an, reflektierte und reüssierte. Ich liebe halt geile Fremdwörter. Eines meiner Lieblingswörter ist: Euphemismus. Es kommt vom altgriechischen euphemi. Frei übersetzt bedeutet es "schönreden". Was im Grunde meint ist, dass man einen eher negativ belegten Begriff durch einen hübsch positiv klingenden Ausdruck ersetzt. Zwischenlager zum Beispiel klingt viel besser als Atommülldeponie, Rubensfigur deutlich freundlicher als fette Kuh. Ist ja auch eine Frage der Höflichkeit.

Wenn zum Beispiel jemand zu spät kommt oder gar nicht, dann empfinde ich es als eine Beleidigung, wenn dieser Jemand sich nicht einmal die Mühe macht, mir mit einer vernünftigen Ausrede zu kommen. Das Mindeste, was ich erwarte, ist eine korrekt ausformulierte und in sich schlüssige Lüge. Blues Brother fällt einem da ein, als John Belushi seiner ehemals Verlobten erläuterte, warum er sie am Hochzeitstag versetzt und allein vorm Altar hat stehen lassen. Die Ausrede hatte wirklich alles; brennende Häuser, Kinder die gerettet werden mussten, Erdbeben und natürlich, dass er kein Geld für Benzin hatte. Ein wahrer Klassiker!

Nun half es - motivationstechnisch gesehen - sicherlich, dass sie ihm eine geladene Flinte ins Gesicht hielt, trotzdem muss man ihm Respekt zollen. Er hat die Latte an der Stelle recht hoch gelegt. Meine Freundin zum Beispiel hat mir ganz deutlich gesagt, was ich zu erwarten hätte, sollte ich jemals zu dem Schluss kommen, dass ich etwas Abwechslung brauche, im Sinne Bäumchen wechsle dich meine ich. Sagen wir mal so: Ein am Rücken verstärktes Hemd würde nicht schaden. Ich müsste mir also was ganz, ganz, ganz, ganz Kreatives einfallen lassen.

 Santiago am Atitlan

Ich wollte ja eigentlich über den Sonnenuntergang reden, die Schönheit der Abendstunde, den graduellen Abstieg unseres Heimatgestirns bis zur völligen Verdeckung durch die gegenüberliegenden Berge, aber eigentlich spricht das Foto ja für sich. Kommen wir also zum eigentlichen Thema des Tages: Santiago de Atitlan.

Nun mag ich ein Dreibein sein, aber natürlich bin ich nicht völig unbelehrbar. Zur Abwechslung nahm ich also nicht das erstbeste Boot, sondern den direkten Weg. War auch gar nicht so schwierig. Am Vortag hatte ich cleveres kleines Kerlchen, den öffentlichen Bootsteg aufgesucht, in der Annahme so ein paar Pfennig zu sparen. Das Resultat kennen wir ja.

Dieses Mal fragte ich einfach, was so eine Bootsfahrt denn so kosten würde, sollte ich Beförderung wünschen und siehe da, es war gar nicht so schlimm. Und das ist noch vorsichtig formuliert. Die Publico fuhren nämlich nicht nur vom publiken Bootsteg (eine Ewigkeit latschen den Strand runter) sonder auch direkt vor meiner Haustür. Da hätte sich jemand viel Zeit und Mühe sparten können. Elender Geizkragen, der ich bin. Obwohl, es gibt  noch schlimmere als mich.

Mein alter Kumpel Luke zum Beispiel, der hat in China an einer Suppenküche für Einheimische gefeilscht, weil die ihm ernsthaft 10 Cent für eine Suppe berechnen wollten. DAS ist geizig. Der ist so knickrig, dass er mit nur einem Pullover und Jeans durch Skandinavien reiste (im März) und schließlich so steif gefroren war, das er nicht mehr die Treppe runterkam. Ganz soweit würde ICH nicht gehen! Der ist aber auch Tasmanier und die sind von Hause aus nicht ganz dicht.

Der ist jahrelang um die Welt gereist und hat allen Leuten erzählt, dass die Tasmanier zu ihren Schafen ein ähnlich inniges Verhältnis haben wie die Waliser. Das Problem war - er brachte das aus mir nicht bekannten Gründen beim 60. Geburtstag seiner armen Mutter zur Sprache - dass dies kompletter Blödsinn ist. Laut seiner Mutter sind nicht die Tasmanier die Schafliebhaber sind sondern Neuseeländer. So ein Hirsch. Und der ist da aufgewachsen. Wenn ich so eine Gülle erzählen würde fein, ich war noch nie in Australien, aber ER????


 Die Kathedrale von Santiago mit meinem Guide Francisco im Vordergrund

Nun ja, eigentlich wollten wir ja über Santiago de Atitlan reden. Der Grund meiner Neugier war der erwähnte Indianergott. Außerdem versprach der Prospekt, dass Santiago schick ist und voller Kirchen und voller Männer in komischen Hosen und Gegend und so. Da war ich also gespannt.

Leider lief es nicht ganz so wie erhofft. Bis nach Santiago lief es gut. Rauf aufs Boot und in Nullkommanix war ich da. Vom Boot geschlichen, Rucksack geschultert und auf in die Stadt, die auf den ersten Blick gar nicht so toll aussah, wie ich mir das erhofft hatte. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Ich hatte die Rechnung ohne Francisco gemacht. Der war seines Zeichens Fremdenführer und sehr begierig darauf, mich Fremden zu führen. Um zu erläutern, wie motiviert er war, muss ich vielleicht etwas ausholen. Das kann ich ja gut.

Wenn die Welt ins Chaos stürzt weil ein paar amerikanische Banker nicht eins plus eins rechnen können, trifft das nicht nur Multimillionäre und Wegelagerer (Banker), sondern auch Leute wie dich und ich und natürlich Francisco den Fremdenführer. Wenn die Zielgruppe gerade dabei ist, Haus und Hof zu verlieren, denkt sie halt nicht unbedingt ans Reisen in die weite Welt. Das hat auch auf die Besucherströme in einer Touristenfalle wie Santiago Auswirkungen, viel strömte da im Moment also nicht und entsprechend wenig Fremde hat Francisco zu führen. Da kam ich armer Reisender ihm gerade recht und er ließ mich nicht von der Angel. 

Er beschwatzte mich und belaberte mich und, und, und. Schließlich fragte ich ihn, was seine Dienste mir denn Wert sein sollten. Er antwortete: 160 Quetzal. Das sind gut 20 Euro, da fing ich also erstmal an zu lachen und fragte ihn, ob er noch ganz dicht ist. Er nahm das ziemlich gut auf ehrlich gesagt und er war keineswegs fertig mit mir. Er fing an zu handeln. Mir dämmerte, dass ich den guten Mann wohl nicht so einfach loswerden würde. Wir einigten uns schließlich auf 80 Quetzal und dafür würde er mir auch ein kleines Geheimnis zeigen. Etwas, was sonst kein Tourist sieht, wegen weil, da müsse man einen Schlüssel haben und den habe nur er. Klar.

Wir wanderten also durch die Stadt. Bei der Gelegenheit versuchte ich gleich einem Wunsch meiner Lieblingsschwester nachzukommen und ein fünf Meter langes Babytragetuch zu erwerben. Versucht das mal in Spanisch!

 Santiago am Atitlan - die geheime Kapelle

Ich erläuterte meinem alten Kumpel Francisco das Anliegen meiner Lieblingsschwester und mit erläutern meine ich, dass ich in Zeichensprache und Improvisation das Wort Baby umschrieb und dann Tuch und dann 5 Meter. Sein Englisch war grauenhaft und ich meine abgrundttief schlecht. Ich habe Papageien im laotischen Dschungel gesehen, die besser Englisch sprachen als Francisco. Und die spielten sich nicht als professionelle Fremdenführer auf. Ich verstand kaum ein Wort von dem, was er versuchte mir zu sagen und ich bin nicht soooooo schlecht in der hohen Kunst der Interpretation von sackigen Akzenten. Ich bin schließlich in Hochdeutschland aufgewachsen und was der Rest der Republik so an Dialekten von sich gibt, kann einen als Bildungsbürger schon mal irritieren; vorsichtig gesprochen. Wann will ja keinen beleidigen und schon gar keine Namen nennen. Sonst sind die da unten in Dunkeldeutschland gleich wieder beleidigt. Fast die Hälfte des Jahres einen auf Karnevalsdeppen machen und dann keinen Spaß verstehen, das haben wir gern.

Um nicht abzugleiten; mein Kumpel Francisco sprach keinen Akzent sondern lausiges Englisch und das war nicht einfach. Da merkte man gleich, dass es sich um einen echten Profi handelte. Fremdenführer mit dem Schlüssel zur geheimen Abtei, ich Glückspilz. Da hatte ich eine wirklich gute Investition getätigt.

Nun ja, nachdem ihm irgendwann die Schuppen aus den Haaren fielen - aaaaaah Babytuch - musste ich nur noch überzeugen, dass man mit Frauen nicht diskutiert. Wenn die Schwester sagt, sie braucht ein fünf Meter langes Tragetuch, dann bringt es nichts, die vergleichsweise Kleinheit eines solchen Babys zu erläutern und die vergleichsweise Groß- oder Langheit von fünf Meter, man kauft einfach ein fünf Meter langes Tuch. Das spart Zeit und Nerven.

Nun stellte sich genau das allerdings als vergleichsweise schwierig heraus. Das lag vor allem daran, dass guatemaltekische Weber offensichtlich nie mit meiner Schwester geredet hatten und Tragetücher in der vergleichsweise bescheidenen Länge von 2 Metern anfertigten. Und zwar alle. Ich erklärte also - offen gestanden hatte an der Stelle Francisco die Verhandlungen übernommen - dass wir so nicht ins Geschäft kämen. Das missfiel dem Weber aber was sollte sich machen.

Mein kundiger Führer trieb schließlich einen Weber auf, der sein Handwerk offenbar von einer Frau gelernt hatte. Er hatte nämlich "Babytragetücher" (ich würde das einfach als Stoffbahn bezeichnen, ich habe aber auch keine Ahnung) in der gewünschten Länge. Nun war der Mann vielleicht ein fleißiger Weber, auf jeden Fall aber farbenblind und definitiv auch ein ganz klein wenig gierig. Er wollte umgerechnet 50 Euro für seinen grün-blauen Stofffetzen haben.

Das quittierte ich mit einem Lachen und da half dann auch das Verhandlungsgeschick meines kundigen Führers nicht. Der wollte sich wohl um das lokale Handwerk verdient machen, ich deutete ihm an der Stelle vorsichtig an, dass er das gern könne aber nicht auf meine Kosten. Damit war das Thema dann schnell beendet.

Wir machten uns endlich auf den Weg zu Maximon. Offen gestanden glaube ich nicht, dass ich den Weg selbst gefunden hätte. Vielleicht war die Idee, Francisco anzuheuern, doch nicht so schlecht gewesen.

 

... weiter zu Teil 9

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By PLAVEB

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