Der vergessene Präsident – Herbert Hoover

Erstaunlich wenige Leute kennen Herbert Hoover, dabei hat der Mann Besseres verdient. Er ist der US Präsident mit dem mit Abstand schlechtestem Timing aller Zeiten. Dabei war er – zumindest vor seinem Amtsantritt – ein hoch angesehener Technokrat, Wirtschaftsexperte und nicht zuletzt bekannter Philanthrop. Seinen Bemühungen im ersten Weltkrieg retten Hunderttausende vor dem Hungertod.

Der deutschstämmige Hoover hatte klein angefangen. Seine Eltern starben früh und so musste er sich weitestgehend selbst durchschlagen. Durch harte Arbeit schaffte er es an die gerade neu gegründete Stanford Universität und graduierte als Geologe. 1897 ging er nach Australien, wo er schnell Karriere machte und den Grundstein legte für den Aufstieg Australiens in die erste Liga der Bergbaustaaten. Unter anderem entwickelte er ein Verfahren, bei dem Zink, das bis dahin ein Abfallprodukt in den Silberminen war, gewonnen werden konnte. Mit einigen Partnern gründete er die „Zinc Corporation“, heute Teil des Superkonzerns Rio Tinto.

Sein nächster Stop war China. Dort lernte er – ganz nebenbei wie man sagt – Mandarin. Auch in China arbeitete er als Ingenieur, seine Arbeitgeber Bewick, Moreing & Co. machte den vielversprechenden Hoover derweil zum Teilhaber. Hoover heiratete seine Jugendliebe und eigentlich lief alles recht gut. In China geriet er kurz in die Wirren des Boxerkrieges und auch dort machte er sich nützlich. Dank seiner intimen Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten, konnte er Truppen in der Schlacht durch das unwegsame Gelände um Tianjin leiten und ihnen so einen entscheidenden Vorteil verschaffen.

Ab 1908 wure er zum echten Globetrotter. Er unterrichtete in Stanford und Columbia und sein Skript wurde unter dem Namen Principles of Mining zum Standardwerk für angehende Geologen. Zusammen mit seiner Frau übersetzte er De re metallica aus dem Lateinischen. Das Buch des Georgius Agricola ist ein Klassiker zum Thema Bergbau und Hoovers Übersetzung bis auf den heutigen Tag in Verwendung.

Eine Wende im Leben der Hoovers war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Er half bei der Evakuierung von 120.000 Amerikanern aus Europa und organisierte humanitäre Versorgung von Flüchtlingen. Von Woodrow Wilson zum Leiter der Nahrungsmittelverwaltung ernannte, bewahrte er Hunderttausende vor dem Hungertod. Sein Engagement führte er später fort. Nach dem zweiten Weltkrieg führte er die nach ihm benannte Hooverspeisung ein, die unter dem Namen Schülerspeisung bis heute überlebt hat. Ziel war es, Kinder vor Hunger und Unterernährung zu bewahren.

Der erste Weltkrieg war aber noch in anderer Hinsicht ein Wendepunkt. Hoover stand plötzlich in der Öffentlichkeit und von dort gab es kein zurück. Nach dem Krieg kehrte er in die Heimat zurück und wurde unter Woodrow Wilsons Nachfolgern – Warren G. Harding und Calvin Coolidge – Wirtschaftsminister. 1928 schlug schließlich seine große Stunde. Er wurde Präsidentschaftskandidat der Republikaner und gewann die Wahlen von 1928 erdrutschartig. Am 4. März 1929 wurde er als 31. Präsident der Vereinigten Staaten von seinem Vorgänger William Howard Taft vereidigt.

Die Erwartungen an Hoover waren immens. Schließlich hatte er sich einen Ruf als Wirtschaftsexperte erworben. Wie bitter muss es für ihn gewesen sein, als knapp 7 Monate später die Welt in Form der Weltwirtschaftskrise in den Abgrund stürzte. Ironie des Schicksals, der Wirtschaftswundermann wurde zum Sinnbild der großen Depression. Er schaffte es in der Folge nicht, das Ruder herum zu reißen, obwohl viele seiner Maßnahmen durchaus Sinn machten. Hoover glaubte jedoch an das Prinzip der Freiwilligkeit und genau das war sein großer Irrtum. Das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte der Krisenbewältigung und viele Regierungen haben sie bei der Bewältigung der aktuellen Krise beherzigt.

Nach Ablauf seiner Amtszeit wurde er gerade zu aus dem weißen Haus gejagt. Sein Nachfolger Roosevelt versprach mit den „New Deal“ einen Neuanfang und neue Hoffnung für Millionen. Was blieb sind Hoovervilles, das ist der Name, den man in jenen Tagen den Slums gab, die als Resultat der Wirtschaftskrise entstanden.

Hoover war verbittert und man kann es ihm kaum übel nehmen. Für Jahre mied er Washington und genoss in Kalifornien ein Pensionärsleben. Das Verhältnis zu Roosevelt galt als gespannt. Hoover ließ kein gutes Haar an ihm. Roosevelt auf der anderen Seite votierte sogar dafür, den nach seinem Vorgänger benannten Hooverdamm umzubenennen.

Im zweiten Weltkrieg war er zunächst ein Verfechter des Isolationismus. Er wollte die Festung Amerika ausbauen, statt sich die Hände in Europa schmutzig zu machen. Mit Pear Harbour änderte sich seine Haltung und er rief nach einem totalen Sieg. Das Weiße Haus verzichtete auf seine Dienste und das obwohl er alle persönlichen Gefühle beiseite schob und sich anbot.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (und dem Tod Roosevelts) wurde er dann doch noch einmal in die Pflicht genommen. Truman berief ihn – in Erinnerung an seine Rolle im ersten Weltkrieg – um die Nahrungsmittelversorgung im besetzten Deutschland sicher zu stellen.

In Hermann Görings altem Zug tourte er durch die westlichen Besatzungszonen und machte sich ein Bild von der Lage. Das Resultat war eine Reihe von Berichten in denen er die Besatzungsmächte scharf kritisierte. Eines seiner bekanntesten Statements war: „There is the illusion that the New Germany left after the annexations can be reduced to a ‚pastoral state‘. It cannot be done unless we exterminate or move 25,000,000 people out of it“

Übersetzt heißt das soviel wie: Es gibt die Illusion, dass das neue Deutschland nach der Besetzung langfristig eine ländliche Ökonomie wird. Das allerdings ist unmöglich, es sei denn wir sind bereit, 25 Millionen Menschen zu töten oder ins Exil zu schicken. Worauf sich Hoover hier bezog war der sogenannte Morgenthau Plan. Den hatte zwar schon Roosevelt als illusorisch abgetan, offenbar hatte sich das aber noch nicht ausreichend herumgesprochen.

Das wichtigste Ergebnis seines Engagements war jedoch die schon angesprochene Hooverspeisung. In den folgenden Jahren wurden ihm etlichen Ehren angetragen und sein Ruf weitgehend wiederhergestellt. Schon bald nach seinem Tode wurde er jedoch vergessen. En bisschen mag das an seinem illustren Namensvetter gelegen haben (J. Edgar Hoover), trotzdem ist es ein wenig ungerecht. Er war sicher nicht der schlechteste Präsident aller Zeiten und gerade wir verdanken ihm sehr viel. Aber so ist das Leben – ungerecht.

Wer kennt Monika Ertl?

Es gibt so Leute, die würde man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lieben und verehren, wenn man sie denn nur kennen würde. Monika Ertl ist so ein Mensch. Wie ist das?

Millionen Menschen laufen in Che Guevara T-Shirts rum oder haben ein Che Poster an der Wand; einen Sticker, Aufkleber was auch immer. Die Frau, die seinen Tod gerächt hat, kennt dagegen kein Mensch. Dabei hat sie alles Potenzial zu einer Heldin der Revolution. Sie war jung, schön, talentiert und kämpfte mit der ELN im Dschungel Boliviens gegen das Militär. Und Sie war es, die am 1. April 1971 Quintanilla Pereira erschoss.

Pereira war zu der Zeit Boliviens Generalkonsul in Hamburg. Hinter dieser Fassade hatte er Zuflucht gesucht, um dem Fluch Fidel Castros zu entgehen. Bevor er sich den Anstrich eines seriösen Diplomaten gab, war er Geheimdienstchef seines Heimatlandes und direkt verantwortlich für zahllose grausame Hinrichtungen und Attentate.

Castro hatte den Mördern von Che Guevara Rache geschworen und Quintallas Name stand auf dieser Liste ganz oben. Er war verantwortlich für das Attentat auf den kubanischen Revolutionshelden und auf seinen Befehl hin hackte man dem toten Commandante nach der Ermordung auch noch die Hände ab; als Beweis für seinen Tod.

Zu Pereiras Opfern zählte Che genauso wie sein Nachfolger Inti Peredo. Der war ganz nebenbei auch noch Monika Ertls Liebhaber und es grenzte fast an ein Wunder, dass sie in der Nacht des Überfalls nicht an seiner Seite war. Monika Ertl hatte allen Grund Roberto Quintanilla zu hassen und das tat sie ganz offensichtlich. Im Sommer 1970 verfasst sie dieses kurze Gedicht:

„Quintanilla, Quintanilla….,
Du wirst in Deinen Nächten keinen Frieden mehr finden…
Du raubtest Inti das Leben
Und du meintest das ganze Volk.“

Pereira wusste um offenbar um die Todesliste und dass die Linksextremisten weder Kosten noch mühen scheuen würden, um seiner habhaft zu werden. Er ging also nach Hamburg. Womit er offenbar nicht gerechnet hatte war Monika Ertl. Sie hatte sich dem bolivischen Untergrund angeschlossen, geboren war sie allerdings in Oberbayern.

Ihr Vater war ein hoch begabter Filmemacher und sie wuchs in der bürgerlichen Behaglichkeit des Nachkriegsdeutschlands auf. 1954 wanderte die Familie nach Bolivien aus. Hans Ertl war offenbar verärgert, dass er für seine Dokumentation über den Nanga-Parbat keinen Filmpreis bekommen hatte. Das sagt wohl einiges über sein Temperament aus.

Der Vater kaufte eine Farm in Bolivien, blieb aber Deutscher mit Herz und Seele. Monika wuchs behütet auf, aber mit allen Freiheiten, die sich einem in dieser Umgebung bieten. Sie wurde erzogen wie ein Junge, lernte schießen, kletterte mit dem Vater und zog mit ihm in den Dschungel. Geerbt hatte sie offenbar sein Temperament, nicht jedoch sein eher konservatives Weltbild. Außerdem schien sie seine NS Vergangenheit zu stören. Es kam zum Bruch zwischen den Beiden und nicht nur das.

Obwohl zu dem Zeitpunkt durch ihre Heirat wohl etabliert in der bolivianischen Oberschicht, lagen ihre Sympathien mit den armen und unterdrückten Indios. Als es zum Bruch kam, ließ sie sich – obwohl erzkatholisch erzogen – scheiden und kappte alle Verbindungen. Sie nahm eine neue Identität an als Imilla und zog in den Dschungel. Dort verliebte sie sich in Inti Peredo, den „Nachfolger“ Che Guevaras. Ab dem Zeitpunkt bekämpfte sie das Establishment und das auch mit der Waffe. Sie war ein ausgezeichneter Schütze. Als er ihr das Schießen beibrachte, hätte ihr Vater sich sicher nicht hätte träumen lassen, wofür das einmal gut sein sollte.

Nach dem Attentat auf ihren Erzfeind Roberto Quintanilla Pereira in der bolivianischen Botschaft in Hamburg entkam Monika Ertl auf wundersame Weise. Es gab damals viel Spekulation in den Medien. Sie ging zurück nach Bolivien. Durch ihre Tat hatte sie sich hoch gestellte Feinde gemacht und war spätestens ab diesem Zeitpunkt auf einer eigenen Todesliste. 20.000 Dollar Preisgeld waren auf sie ausgesetzt. Auf eine solche Summe hatte es nicht mal der „Commandante“ selbst gebracht. Auf Che waren gerade einmal 4200 Dollar ausgesetzt gewesen.

Im Mai 1973 wurde sie in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Ihr Leichnam wurde verscharrt. Verraten hatte sie wohl ein alter Freund der Familie; Klaus Altmann. Besser bekannt ist der unter seinem richtigen Namen Klaus Barbie, Gestapo-Chef im besetzten Frankreich und berüchtigt geworden als „Schlächter von Lyon“.

Vielleicht war sie ihm auf die Schliche gekommen und geriet so ins Visier des prominenten Ex-Nazis. Der hatte jede Menge Erfahrung bei der Bekämpfung von Partisanen und war ein geschätzter Berater des bolivianischen Sicherheitsdienstes. In Deutschland wurde die Akte nach ihrer Ermordung geschlossen.

Monika Ertl blieb die mutmaßliche Mörderin des bolivianischen Botschafters und im Boulevard bekannt als Che Guevaras Racheengel.

Anscheinend geriet ihre Geschichte in Vergessenheit, dabei hat alles Potenzial für eine Verfilmung. Vielleicht gibt es ja irgendwann einen Teil 3 zum aktuellen Film von Steven Sonderbergh.

Verdient hätte sie es irgendwie. Monika Ertl war eine schillernde Figur und nicht zuletzt ein Kind ihrer Zeit. Das darf man ihrer Beurteilung nicht vergessen.